„Ein Citizen Developer klickt sich eine App an einem Nachmittag zusammen.” Das sagt das Marketing der Low-Code-Plattformen. Nach einem Jahr Erfahrung mit Power Apps, OutSystems und Mendix im Enterprise-Umfeld haben wir eine realistischere Sicht. Low-Code funktioniert — aber nicht dort, wo das Marketing es verspricht.
Was wir ausprobiert haben¶
Power Apps: Microsoft-Ökosystem, Integration mit M365 und Dataverse. Unsere Kunden (meist auf dem Microsoft-Stack) wollen es automatisch.
OutSystems: Eine vollwertige Low-Code-Plattform. Generiert echten Code (.NET/Java), Enterprise-Features (CI/CD, Monitoring, Scaling).
Mendix: Ähnlicher Umfang wie OutSystems, stark in der Modellierung von Geschäftslogik. SAP-Integration.
Wo Low-Code funktioniert¶
- Interne Formulare: Anträge, Genehmigungsworkflows, Erfassungen — ein idealer Anwendungsfall
- Rapid Prototyping: dem Kunden ein Konzept in 2 Tagen statt 2 Monaten zeigen
- Prozessautomatisierung: Power Automate für die Integration von M365-Diensten
- Einfache CRUD-Apps: Anlagenverwaltung, Kontakte, einfaches CRM
Wo Low-Code nicht funktioniert¶
- Komplexe Geschäftslogik: sobald mehr als CRUD benötigt wird, stößt man an Grenzen
- Hohe Performance: tausende gleichzeitige Nutzer, Echtzeitverarbeitung
- Custom UI/UX: pixelgenaues Design oder nicht-standardmäßige Interaktionen
- Offline-First: mobile App mit Offline-Synchronisation
Tatsächliche Kosten¶
„Low-Code ist günstiger” — nicht immer. Power Apps Per App Plan: ~8 $/Nutzer/Monat. OutSystems-Lizenz: Zehntausende jährlich. Dazu: spezialisierte Berater (selten und teuer), Migration wenn die Plattform veraltet, Vendor Lock-in.
Für eine interne App mit 50 Nutzern und einfachem CRUD: Power Apps ist günstiger als Custom-Entwicklung. Für ein Kerngeschäftssystem mit 5.000 Nutzern: Custom-Entwicklung ist günstiger und flexibler.
Shadow-IT-Risiko¶
Das größte Risiko von Low-Code: Ein „Citizen Developer” erstellt eine kritische Anwendung ohne IT-Governance, ohne Backups, ohne Security-Review. Dann verlässt er das Unternehmen. Lösung: ein Governance-Framework — wer darf erstellen, wo wird deployed, wer genehmigt, wie wird gesichert.
Unsere Empfehlung¶
Low-Code gehört in den Werkzeugkasten, nicht als Strategie. Hervorragend für einfache interne Tools und Prototypen. Für Kernsysteme und komplexe Anwendungen bleiben Sie bei Custom-Entwicklung. Und haben Sie immer eine Exit-Strategie — was wenn der Anbieter die Lizenzkosten verdreifacht?
Low-Code ist ein Kompromiss¶
Entwicklungsgeschwindigkeit vs. Flexibilität. Einfachheit vs. Vendor Lock-in. Citizen Development vs. Governance. Keine Antwort ist universell. Verstehen Sie die Trade-offs und wählen Sie nach Anwendungsfall, nicht nach Marketing.
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